24-03-20



Der Späher - Talentscout

Er hat in seinem Leben Tausende Spiele gesehen. Und den Stürmerstar Timo Werner groß gemacht. Heute ist Johannes Spors Chefscout beim HSV. Er muss die Talente für den Aufstieg entdecken.

Wenn es losgeht, verlässt er den Platz. Kehrt den Spielern den Rücken zu, steigt zwanzig Betonstufen nach oben und setzt sich, hoch über dem Trainingsgelände. "Hier kann ich in Ruhe beobachten", sagt Johannes Spors. Und niemand beobachtet ihn, den leisen, unauffälligen Mann, ganz wie er es will. Er ist ein Mensch, der Distanz braucht, um sich ein Urteil über andere zu bilden.

Spors ist Chefscout des Hamburger Sport-Vereins, eine Art Späher, der Talente sucht. Er analysiert die Leistungen der eigenen Spieler und wählt die Neuzugänge aus. Ausgerechnet für diesen Verein. Ausgerechnet seit Februar 2018. Drei Monate vor dem Abstieg des Vereins in die zweite Liga. Drei Monate vor dem Absturz. Spors soll es nun richten.

Scouts sind wie Schatzsucher. Finden sie unter Zehntausenden von Namen aus der ganzen Welt das eine Supertalent, kann das ihren Verein jahrelanges Missmanagement auf einen Schlag vergessen lassen.

Spors’ Verein braucht so ein Supertalent mehr als fast jeder andere. Der HSV ist so etwas wie die Lachnummer im deutschen Profifußball. Es gab in den vergangenen fünf Jahren keinen Club, über den sich Fans gegnerischer Mannschaften öfter lustig machten und der die eigenen Fans stärker in die Verzweiflung trieb. Trainer und Manager wechselten so häufig, dass dagegen selbst die Parteispitze der SPD wie in Stein gemeißelte Stabilität wirkt. Spielzeit um Spielzeit kämpfte der Verein gegen den Abstieg und musste am Ende der vergangenen Saison, im Mai 2018, dann wirklich in die zweite Liga. Das war überfällig, aber dem HSV als einzigem Verein in der Geschichte der Bundesliga noch nie passiert.

Jetzt will der HSV aufsteigen, nein: Er muss. Der Club ist hoch verschuldet. Mehrere Jahre in der zweiten Liga, die viel weniger Geld abwirft als die erste, kann er sich nicht leisten. Wer aufsteigen will, muss sich eine Mannschaft zusammensuchen, die aufsteigen kann.[DIE ZEIT 35/2018]
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35/2018. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.Es ist Ende Juli, kurz vor Saisonbeginn, als Spors beim Training beobachtet, wie die Spieler sich warmlaufen und wie sie danach das Passspiel in Drucksituationen üben. Spors sitzt auf der Betonstufe und stützt die Ellenbogen auf die Knie, seine typische Haltung, wenn er sich konzentriert. Er trägt dunkelblaue Jeans, ein hellblaues Poloshirt und eine randlose Brille, Kleidung, so dezent es nur geht. So hat er in seinem Leben schon Tausende Fußballspiele gesehen, Tausende Trainingseinheiten. Steht ein Spieler zwei Meter zu weit vorn, fällt ihm das auf. Dann gibt es eine offene Stelle auf dem Platz, in die der Gegner stoßen kann. Er saugt alle Eindrücke in sich auf – die eigenen Spieler will er besser als jeder andere kennen. Er muss wissen, wie sie sich entwickeln. Auch weil er vergleichen will, welches Niveau Neuzugänge haben müssen, um den Kader zu verbessern. Aber wie genau findet er die richtigen Neuzugänge?

Die verblüffende Erkenntnis: Es geht in dem Prozess sehr lange nicht um konkrete Namen, die verpflichtet werden könnten. Die Suche beginnt bei einer grundsätzlichen Frage: Hat der Verein eine eigene Spiel-Philosophie? Es gibt einige Clubs, bei denen das so ist, beim FC Barcelona etwa. Dort will die Mannschaft immer den Ball haben, ihn zirkulieren lassen. Der HSV hat so eine Philosophie nicht über die Jahre aufbauen können. Wie sollte er das auch nach all den Wechseln in der Führung? Aber im März 2018, kurz vor dem Abstieg, bekam er immerhin einen Trainer mit einer eindeutigen Ausrichtung: Christian Titz will, dass seine Mannschaft viel Ballbesitz hat, um den Gegner zu dominieren. "Es wäre nun einigermaßen sinnlos, Spieler zu holen, die diese Art von Fußball nicht mögen", sagt Johannes Spors. Dieses Auswahlkriterium ist das erste, das er anwendet, um den Kreis möglicher Kandidaten zu verkleinern.

Das zweite Kriterium ist das Geld. Der HSV verfügte lange Zeit über eines der höchsten Budgets der Bundesliga. Er gab mehr aus, als er hatte, die Schulden stiegen. Weil der Club seit 2010 mit dem Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne einen fußballbesessenen Mäzen hatte, kaufte er trotzdem weiter ein. Kühne half bei Transfers mit Millionendarlehen und schoss immer wieder enorme Summen zu, wenn der HSV Hilfe brauchte. Diese Zeiten sind vorbei – 2018 hatte selbst Kühne genug von den desaströsen Leistungen des HSV und zog sich zurück.

DIE ZEIT  -  Nr. 35/2018 - 23. August 2018



Bron: Zeitonline / Foto's Vitesse

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